SALIM NEWS

Dancing you will understand the world

04/06/2026

"DER WEG DER MEISTER" - Kritik einer F.A.Z.-Besprechung

Auch wenn ich mich als Verleger des besprochenen Buches ĂŒber die wohlwollende Besprechung in der F. A. Z. gefreut habe, gibt es doch einen wichtigen Punkt grundsĂ€tzlicher Kritik daran, den ich im folgenden ausfĂŒhre.
Wolfgang GĂŒnter Lerch hat in der F.A.Z. vom 30. 10. 2012 das Buch von M. Hisham Kabbani “Der Weg der Meister – Geschichte und VermĂ€chtnis der erhabenen Großscheichs des Naqshbandi-Ordens” unter dem Titel “Das Herz des Menschen ist sein Sultan” ausfĂŒhrlich und durchaus wohlwollend besprochen (vgl. hier ‱‱‱). Dabei ist ihm indes ein grundlegender Fehler unterlaufen, der seiner Verbreitetheit unter Islamverstehern und seiner inneren Brisanz wegen es verdiente, einmal nĂ€her betrachtet zu werden.
Schon Frau Annemarie Schimmel, FriedenspreistrĂ€gerin des deutschen Buchhandels, hatte die Sufis, die Mystiker des Islams, immer wieder als solche beschrieben, die gegenĂŒber dem â€œĂ€ußeren Gesetz” der Scharia die Innerlichkeit pflegen. So spricht auch Rezensent Lerch unter dem Zwischentitel “Vom Dogma abgewichen” davon, daß der Sufismus der “innerliche Islam” sei, dessen Glaube “weniger Geboten und gesetzesförmigen Anordnungen, sondern dem Ruf des Herzens” folge. “Der innere Weg (tariqa) und das Erfahren der Wahrheit (haqiqa)”, so der Rezensent, seien dem Sufi “allemal wichtiger als das Gesetz (scharia), das aus der Religion Politik” mache.
In diesen SĂ€tzen drĂŒckt sich, wenn auch durch die Form der Graduierung von mehr oder weniger gemildert, eine im Prinzip ganz falsche Vorstellung aus. Weder ist das Sufitum rein Innerliches, noch die Scharia, das Göttliche Gesetz, etwas rein Äußerliches. Und der Naqshbandi-Orden folgt in den Jahrhunderten seines Bestehens strikt dem Göttlichen Gesetz, das ĂŒbrigens auch ganz falsch beschrieben wird, wenn man sagt, es mache aus Religion Politik. Wenn ein Naqshbandi-SchĂŒler sich, dem Vorbild (der Sunna) des Propheten folgend, frĂŒhmorgens vor dem FrĂŒhgebet beispielsweise auf den Boden legt und ein paar Momente lang an seinen eigenen Tod denkt – inna li-llĂąhi wa inna ilayhi rajiĂ»n (“Wahrlich, wir stammen von Gott und sind auf der RĂŒckreise zu Ihm.”) -, dann hat das etwas Inneres (den Gedanken) und zugleich etwas Äußeres (das Sich-Hinlegen).
Und so ist es ĂŒberall dort, wo ein Ritual, ĂŒberall dort, wo Religion ĂŒberhaupt stattfindet, es ist immer eine Verbindung von Innerem und Äußerem. Das galt und gilt auch fĂŒr jene Fronleichnams-Prozession im tiefen Hochschwarzwald, ĂŒber die ich vor Jahren einmal als Reporter des “SchwarzwĂ€lder Boten” hatte berichten dĂŒrfen. Das gilt sogar fĂŒr das Gottgedenken, den Dhikr, selbst, den man nur fĂ€lsch­licherweise fĂŒr etwas rein Innerliches halten möchte, wenn der Naqshbandi-SchĂŒler beispielsweise den Göttlichen Namen “AllĂąh” fĂŒnftausendmal mit der Zunge und dann fĂŒnftausendmal mit dem Herzen ausspricht. Hier gibt es Äußeres und Inneres neben- oder hintereinander, und es ist sinnlos, ja in gröbster Weise irrefĂŒhrend, das Sufitum mit dem Etikett des “Inneren”, den Islam insgesamt dagegen mit dem des “Äußeren” oder das Sufitum mit dem PrĂ€dikat des Herzens zu versehen, dies aber der Religion des Islams insgesamt zu verweigern.
Jedem Katholiken ist sein Glaube eine Herzensangelegenheit, weil jede Religion und der christliche Glaube eis ipsis mit dem Herzen verbunden sind, was sich schon rein sprachlich daran zeigt, daß beispielsweise das lateinische Wort fĂŒr Herz, nĂ€mlich “cor, cordis”, und das Wort fĂŒr glauben, “credo”, derselben Wurzel (c-r-d) entspringen, eine Etymologie, die sich ĂŒberraschenderweise auch im Deutschen findet, wenn man zum deutschen “Glauben” noch das arabische Wort fĂŒr Herz, nĂ€mlich “qalb”, heranzieht.
Ist es also ein schon rein sprachlich belegtes Merkmal von Religion ĂŒberhaupt, mit dem Herzen verbunden zu sein, ist der Hinweis auf diese Verbindung in der islamischen Mystik nurmehr trivial. IrrefĂŒhrend aber ist es, wenn man den islamischen Orden unter der PrĂ€misse der Wichtigkeit des Herzens absprechen will, der Scharia, dem Göttlichen Gesetz, zu folgen. Dies ergibt sich schon aus der Bestimmung, daß die Scharia den Weg zum Haus des Herrn, Tariqat aber den Weg zum Herrn des Hauses beschreibt. Denn wie ohne eine Kenntnis des Weges zum Haus des Herrn der Weg zum Herrn des Hauses nicht gefunden werden kann, so bedarf der Sufi wie jeder Muslim dringend der Scharia.
Daß sie dieses Gesetz fĂŒr gering achten wĂŒrden, könnte wohl ernsthaft nur von einem vertreten werden, der den Islam bei Wahhabiten und Salafiten gelernt hat oder der Sichtweise jenes Verbrechers folgt, der sich “Vater der TĂŒrken” hat nennen und Tausende und aber Tausende von frommen Derwischen hat ermorden lassen. Dorthin paßt auch die merkwĂŒrdige Rede jenes vom Rezensenten strapazierten “DunkelmĂ€nnertums” dieser wunderbaren Leute, eine Rede, die auch den Kommentar der online-Fassung jener Rezension von Gabi Heintz plausibel macht, die geschrieben hatte:
“
 Begreiflich, daß Sufis als HĂ€retiker gelten.” Die Frage ist: Wo sind denn die genannten “vielen”, die die Sufis in so schlechtem Lichte sehen, da sie doch im Gegenteil bis heute unter der Mehrheit der Muslime in Ost und West sich grĂ¶ĂŸten Respektes und grĂ¶ĂŸter Sympathie erfreuen?
Vor dem Hintergrund einer in Deutschland immer stĂ€rker werdenden Wahhabi-Salafi-AktivitĂ€t hĂ€tte sich gerade mit der Rezension dieses Grundbuches islamischer SpiritualitĂ€t die Möglichkeit geboten, den Blick der Öffent­lichkeit einmal dafĂŒr zu schĂ€rfen, daß der Islam als solcher (einschließlich der Scharia) wesentlich eine spirituelle Angelegenheit ist und er daraus, daß er es ist, seine eigentliche Kraft und seine Schönheit schöpft.
Es hĂ€tte klargemacht werden können, daß diesem sich seiner spirituellen Grundlagen bewußten Islam und der Mehrheit des „ahlu-s-unna wa l-jamñ‘ñ“ gegenĂŒber jene salafitischen Extrempositionen kein Ausdruck von „StrengglĂ€ubigkeit“ sind, wie immer wieder von westlichen Islamwissenschaftlern und Journalisten angenommen wird, sondern bloß von VerrĂŒcktheit, die nicht theologisch, sondern psychopathologisch verstanden werden muß. DrĂŒckte ich beispielsweise dem Leser dieser Zeilen meinen Dank fĂŒr sein Interesse aus, wĂŒrden Wahhabi-Leute protestieren und sagen, man dĂŒrfe sich nicht bei Menschen, sondern „nur bei Allah“ bedanken. Und wĂ€hrend einige sie deshalb fĂŒr „strengglĂ€ubig“ hielten, zeigt sich darin doch, einmal nĂ€her besehen, nur eine vitale Gestörtheit ihrer Urteilskraft. Denn jene Forderung, sich allein bei Allah zu bedanken, ist nicht ein Zeichen starken Glaubens, sondern von Unmenschlichkeit und Tyrannei.
Wie erfrischend demgegenĂŒber das Zeugnis des Propheten Muhammad – der Friede sei auf ihm und den Seinen und Segen -, der erklĂ€rt hatte: „Bedanke dich bei den Menschen, dann lernst du den Dank AllĂąh gegenĂŒber.“ Das ist wohlaustariert und zeigt die Menschlichkeit des Propheten (s) und des wahren Islam.
Daß Herr Lerch die Gelegenheit versĂ€umte, jene geistig Gestörten des Wahhabi-Salafi-Komplexes auf die PlĂ€tze zu verweisen, ist die eine Seite, schlimmer indes ist es, daß er es auf der anderen Seite versĂ€umte, seinen Lesern eine Ahnung von der Schönheit und Weisheit und auch der spirituellen Macht jener Großscheichs zu vermitteln, deren Geschichten das besprochene Buch erzĂ€hlt.
Das hier erstmals in deutscher Sprache gerade erschienene Buch von M. Hisham Kabbani „Der Weg der Meister“ erzĂ€hlt die Geschichte des ehrenwerten Naqshbandi-Ordens im Spiegel der Lebensgeschichten seiner vierzig erhabenen Großscheichs, eine Geschichte, die zur Zeit des Propheten (s) beginnt und deren Verlauf ein Zeugnis dafĂŒr abgibt, daß die spirituelle Macht der „rijĂąl allĂąh“, der Propheten, der Heiligen und Gottesdiener, bis in die Gegenwart hineinreicht und auch heute wirksam ist.
Ob ein im tiefsten Keller angeketteter Scheich, sich zum Gebet immer wieder an die ErdoberflĂ€che in den Hof des GefĂ€ngnisses begibt, was seine russischen WĂ€rter in den Wahnsinn treibt, ob Hunde, Katzen und Greifvögel SchĂŒler eines Scheichs waren, die zu dessen Beerdigung in einer langen Schlange seinem Leichnam folgen (vgl. S. 198), ob es um die sichere Durchquerung eines lebens­gefĂ€hrlichen Kriegsgebietes geht oder um einen kleinen Wurm, der von Sheikh Abu Muhammad al-MadanĂź erst befreit werden muß, bevor das Dorf die heilige „Nacht der Macht“ begehen kann (vgl. S. 277 f.), immer wieder wird der Leser von der Schönheit im Charakter solcher Leute zutiefst beeindruckt sein, die wir „Heilige“ nennen. Und es gilt die Einsicht Scheich SharafuddĂźn ad-DĂąghistĂąnĂźs: „Wenn ĂŒber die Heiligen und ihr Leben berichtet wird, zerspringen die SĂŒnden der Zuhörer wie Glas.“
Und Hunderttausenden normaler Muslime gilt zum Beispiel der letzte in der Kette dieser Heiligen, Sheikh Muhammad Nazim al-HaqqĂąnĂź, der auf Zypern lebt, nicht nur nicht als “Dunkelmann”, wie es im Jargon des Rezensenten heißt, sondern als strahlender Stern am Himmel. Ein schönes Beispiel fĂŒr die HochschĂ€tzung dieses wunderbaren Menschen durch Alt und Jung und Arm und Reich sind Besuche von Menschen aus allen Teilen der Welt, auch von einflußreichen Persönlichkeiten oder WĂŒrdentrĂ€gern aus verschiedenen Staaten, beispielsweise von Mitgliedern des Königshauses von Jordanien oder jĂŒngst der Besuch seiner Exzellenz General Musharrafs, des ehemaligen PrĂ€sidenten Pakistans, der dem Sheikh den Treueeid (bay‘a) geleistet hat, eine umwerfend erquickende Begegnung, die filmisch im Internet – (( ‱‱‱)) – bezeugt ist.   Schade, daß der Rezensent unter dem Schema innen/außen viel zu sehr politischen und historischen Fragen oder bloßem Hörensagen gefolgt ist, statt den Mut aufzubringen, einmal den wirklichen Islam und das Heilige in den Blick zu nehmen, das ihm eignet, es wenigstens zu versuchen. Salim E. Spohr Lympia (Zypern)
]]>